Her mit der Kohle

 

Her mit der Kohle

Heizen mit Braunkohlebriketts - war das nicht mal vor 50 Jahren? Von wegen. Die kleinen Energiepakete sind heute für viele wieder ein attraktiver Brennstoff. Die Brikettfabrik Frechen legt deshalb bei der Produktion mächtig nach.

Unaufhörlich wühlt sich das riesige Rad durch die Erde, knirschend graben sich die wuchtigen Schaufeln in die Sand- und Kiesmassen. Der Bagger ist so groß und so schwer wie eine Brücke über dem Rhein. Sobald er die Oberfläche weggeschaufelt hat, liegt die Braunkohle darunter frei. Rohstoff für Stromerzeugung - und Rohmaterial für Briketts.

Erst millionenfach verbrannt, dann fast kaltgestellt: Mit dem Siegeszug der Zentralheizung schien das Brikett seit den 1960er Jahren aus den Wohnungen verschwunden zu sein. Früher gab es allein im Rheinland etwa 50 Brikettfabriken, heute sind es zwei in ganz Deutschland. Doch seit immer mehr Kamine und Kachelöfen zur Energieeinsparung oder einfach als gemütliche Heizquelle eingesetzt werden, ist der Heizklassiker auf die Brennroste zurückgekehrt.

Einer, der sich darüber freut, ist Wolfgang Dülfer, Leiter der Fabrik Frechen. An dem zu RWE Power gehörenden Standort werden der Industriebrennstoff Braunkohlenstaub und Briketts produziert. "Die Nachfrage steigt wieder", erklärt der 50-Jährige, "und an Kohle besteht hier im Rheinland kein Mangel." Die benachbarten Tagebaue Hambach und Garzweiler sind für die nächsten 50 Jahre prall gefüllt. Primär dient Braunkohle der Stromerzeugung, nur ein kleiner Teil kommt nach Frechen, wo sie im Werk zerkleinert, getrocknet und mit einem Druck von etwa 1.000 bar zu Briketts verpresst wird. "Der Vorteil ist, dass keine Bindemittel eingesetzt werden, denn diese können bei der Verbrennung Schadstoffe freisetzen," erklärt Dülfer.

Umreifte Energie

Ein Brikett sieht unspektakulär aus, stellt aber hohe Anforderungen an die Technik. In der Verpackungsstraße wird gerade eine neue Umreifungsanlage montiert. Ralph Germeshausen, zuständig für Verkauf und Anwendungstechnik bei TITAN, ist vor Ort. Er und Wolfgang Dülfer kennen sich seit mehr als 20 Jahren. "Massenprodukte wie Bänder können viele herstellen, aber wenige bieten die dazu gehörende Anlagentechnik", sagt Dülfer. Hinzu kommt: Die Technik muss in staubiger Atmosphäre funktionieren. Ralph Germeshausen ergänzt: "Briketts sind Naturprodukte. Sie müssen so umreift werden, dass das 10- oder 25-kg-Paket einen festen Verbund hat, aber nicht bricht." Zu den Paketen kommt die Palettenumreifung für 2.000 Tonnen Hausbrand-Briketts am Tag. Etwa 30 Anlagen aus Schwelm sind hier in Betrieb. "Wir müssen uns auf die Zuverlässigkeit der Maschinen verlassen und deshalb setzen wir auf TITAN", sagt Dülfer. "Streikt eine Umreifungsmaschine, bleibt unser Produkt unverpackt, weil wir unsere Produktion nicht einfach anhalten können.

 

Traditionsreiches Zukunftsprodukt

Eine neue Vermarktungslinie für Festbrennstoffe mit Namen "Heizprofi" und "Grillprofi" sorgt dafür, dass der Betrieb der 106 Jahre alten Fabrik Frechen auch im Sommer brummt und der Handel durchgängig beliefert wird. Wolfgang Dülfer: "Eine Besonderheit in unserem Geschäft ist sicherlich, dass wir das Brikett seit 100 Jahren durch ständige Verbesserung über die unterschiedlichsten Anforderungen hinweggebracht haben und heute damit nach wie vor ein wirtschaftliches Produkt herstellen."

Hat Braunkohle Zukunft? "Man wird im Energiemix nicht auf Braunkohle verzichten können", meint Dülfer. "Wir arbeiten in einem schwierigen politischen Umfeld durch die CO2 -Diskussion. Das darf man nicht beklagen. Man muss sich nur sachlich fragen: An welchen Stellen setzt man welche Produkte zukünftig optimal ein. Wir müssen langfristig arbeiten, denn für die Vorbereitung, die Durchführung und die Rekultivierung von Tagebau brauchen wir einen großen Zeithorizont." Interessierte können die Fabrik Frechen und den Tagebau Garzweiler besichtigen. "Wir leben im öffentlichen Bereich, wir nutzen Landschaft und rekultivieren sie wieder. Die Nachbarn sollen genau wissen, wie. Fragen sind wichtig und willkommen."

Tagebau Garzweiler

In Deutschland wird jede vierte Kilowattstunde Strom aus Braunkohle erzeugt. Jährlich fördert allein RWE Power fast 100 Millionen Tonnen des Rohstoffs in den rheinischen Tagebauen, z.B. Garzweiler II. Dort lagern 1,3 Milliarden Tonnen Braunkohle, die bis 2044 abgebaut werden sollen.

Schaufelradbagger

Schaufelradbagger sind die größten Arbeitsmaschinen der Welt. Der mächtigste Bagger des Tagebaus Garzweiler ist 96 Meter hoch, 240 Meter lang und 13.500 Tonnen schwer. Er kann täglich so viel Kohle fördern, dass man damit einen fast 30 Kilometer langen Eisenbahnzug beladen könnte.

"Fringsen" statt frieren

Da die Menschen in Deutschland in den kalten Nachkriegswintern unter einem Mangel an Briketts litten, kletterten sie vielfach auf die Kohlezüge und füllten ihre Säcke voll. Der damalige Erzbischof von Köln, Joseph Kardinal Frings, hielt über diese Selbsthilfe eine berühmt gewordene Predigt, in der er der frierenden Bevölkerung versicherte, sie dürfe in Gottes Namen ruhig auch mal Kohlen klauen. Die Briketts wurden von da an nicht mehr gestohlen, sondern "gefringst".

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